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ZWEI BRÜDER
(eine Parabel)
„Es lebte einst ein Ehepaar, das lange kinderlos blieb. Erst im höheren
Alter wurde die Frau schwanger. Sie gebar zwei Zwillingsbrüder und
starb kurz nach der schweren Geburt. Der Mann stellte Ammen an und
versuchte, so gut er es konnte, seine Söhne zu versorgen. Als die
beiden vierzehn Jahre alt wurden, verließ auch ihr Vater diese Welt.
In großer Trauer saßen die Söhne im leer gewordenen Haus. Der eine von
ihnen galt in der Familie als älterer Bruder, denn er war um drei
Minuten vor seinem Zwillingsbruder geboren worden. Er brach als erster
das Schweigen: ‘Im Sterben war unser Vater darüber besorgt, dass er uns
nicht mehr die Weisheit unserer Ahnen hatte lehren können. Ohne
Weisheit, so meinte er, werden wir und auch unsere Kinder, von den
anderen verachtet leben müssen, wenn sich nicht einer von uns aufmacht,
die Weisheit zu suchen.’
‘Ich bin bereit mich darauf einzulassen’, antwortete der jüngere
Bruder. ‘Aber, wenn du meine Meinung hören magst, dann sage ich dir:
Ich lebe auch ohne Weisheit glücklich und freue mich über jeden Tag.
Dich sehe ich oft in Gedanken versunken. Deshalb schlage ich dir vor,
lass mich für uns und das Haus sorgen. Du aber sinne ungestört nach und
suche die Weisheit unserer Ahnen.’
‘Nur glaube ich nicht’, sprach der ältere Bruder, ‘dass ich die
Weisheit, die mir nicht gegeben wurde, in mir finde. Ich werde mich auf
den Weg in die Welt hinaus machen und die Weisheit in allen Ländern
suchen müssen. Finde ich sie, so bringe ich sie in unser Haus zurück,
für dich, für mich und für unsere Kinder, die es ihren Kindern über
Jahrhunderte weiterreichen werden.’
‘Du hast einen langen Weg vor dir, Bruder’, sagte der Jüngere, ‘so nimm
unser Ross, unseren Wagen und alles, was du für deine Reise brauchst.
Möge sie dir gelingen. Ich aber werde in unserem Haus auf dich warten.’
Über sechzig Jahre vergingen, das Haar des älteren Bruders wurde grau.
Gepilgert von einem Weisen zum anderen, von einem Tempel zum anderen,
war er im Norden und Süden, im Osten und Westen dieser Welt.
Mittlerweile wurde er als der Weiseste unter den Weisen verehrt, viele
Schüler folgten ihm auf seinen Wegen, sein Ruhm ging ihm überall
voraus. So kehrte er, der Hochverehrte, zu seinem jüngeren Bruder heim.
Alle Menschen aus der Siedlung liefen ihm entgegen, allen voran sein
eigener Bruder. Er verneigte sich vor dem Weisen und sprach in großer
Freude: ‘So segne mich und lass dich begrüßen, mein weiser Bruder! Lass
mich deine müden Füße waschen. Lass dich in unserem Haus nieder und
erhole dich nach deiner langen Reise.’
Der Weise ließ seine Schüler auf einem Hügel vor seiner Ortschaft
rasten und die ihnen dargebrachten Gaben genießen. Selbst folgte er
seinem jüngeren Bruder und betrat sein Haus.
Während der Fußwaschung sprach der grauhaarige Weise: ‘Bruder, ich habe
mein Vorhaben erfüllt. Die großen Lehren habe ich studiert, aus ihnen
kommt meine Weisheit, sie lehre ich allen Menschen. Doch ich habe mein
Wort an dich nicht vergessen. Ich kam für einen Tag, um dir und deinen
Kinder das Wichtigste weiterzugeben.’
Und während sein jüngerer Bruder ihm die Füße mit einem verzierten Tuch
trocknete, sprach der Weise: ‘Das Erste: Alle Menschen sind für das
Leben in einem blühenden Garten geboren.’ Während sein jüngerer Bruder
ihm Früchte aus eigenem Garten anbot, kostete der Weise davon und
sprach nachdenklich: ‘Jeder Mensch sollte in seinem Leben einen Baum
gepflanzt haben, der gute Erinnerung an ihn und den Atem seiner
Nachkommen bewahren wird.’
‘Verzeih mir, mein weiser Bruder, ich habe vergessen, das Fenster zu
öffnen, damit du frische Luft bekommst. Schau, siehst du diese beiden
Zedern dort? Ich pflanzte sie in dem Jahr, in dem du von hier
fortgingst. Für die eine Zeder grub ich das Loch mit meinem Spaten aus,
für das zweite benutzte ich deinen kleinen Spaten, mit dem du als Kind
gespielt hatte.’
Der Weise betrachtete die Bäume und antwortete: ‘Die Liebe ist das
größte Gefühl, dessen wir fähig sind. Nicht jeder Mensch erfährt es in
seinem Leben. Die Weisheit des Lebens besteht jedoch darin, die Liebe
beharrlich zu suchen.’
‘Vor deiner Weisheit, oh mein Bruder, gerate ich in Verwirrung. Verzeih
mir, ich habe ganz vergessen, dir meine Frau vorzustellen. ‘He, meine
Liebe, meine Alte, wo bleibst du denn?’
‘Da bin ich’, erklang eine muntere Stimme, und ins Zimmer trat die Alte
mit den frischen Speisen auf einem Tablett. Sie machte vor den beiden
Männern einen lustigen Knicks und flüsterte ihrem Mann zu, jedoch so
laut, dass ihr Gast auch mithören konnte: ‘Verzeih, mein Lieber, ich
muss mich hinlegen!’
‘Jetzt doch nicht, während solch ein Gast, mein Bruder, da ist.’
‘Es ist mir so schwindlig, so komisch zumute, als wäre bald...’
‘Na was denn?’
‘Als wäre ich bald wieder schwanger von dir...’, prustete die Alte und rannte lachend aus dem Zimmer.
‘Verzeih ihr’, sagte der jüngere Bruder beschämt, ‘sie versteht die
Weisheit nicht zu schätzen, sie war immer schon so laut und lustig.’
Der Weise wurde immer nachdenklicher. Kinderstimmen brachten ihn aus
seinem Schweigen. ‘Die große Weisheit ist die Kunst, Kinder zu
glücklichen und gerechten Menschen zu erziehen’, sagte er weiter.
‘Ja, erzähl doch bitte darüber’, bat ihn der jüngere Bruder, ‘ich will
auch sehr, dass meine Kinder, meine Enkel glücklich werden.’
Indessen betraten seine Enkel, zwei Jungen um die sechs Jahre und ein
vierjähriges Mädchen, unter lautem Streit den Raum. ‘Oh’, staunte ein
Junge, ‘aus unserem Opa sind zwei Opas geworden. Welcher ist der
unsere?’
‘Da ist er, siehst du es nicht?’ Das kleine Mädchen lief zu ihrem Opa,
drückte ihre Wange an sein Bein und platzte, indem sie an seinem Bart
zupfte, heraus: ‘Opa, Opa, ich wollte dir zeigen, wie ich tanzen kann,
und meine Brüder sind mir hinterhergelaufen. Einer will mit dir malen.
Und der andere will, dass du ihm auf der Flöte und auf der Pfeife
vorspielst. Ich war die erste, die zu dir wollte. Schicke die beiden
fort!’
‘Stimmt nicht’, mischte sich einer der beiden Jungen ein, der mit einem
Brett und einem Stück Kreide in der Türe stand, ‘ich war der erste, der
zu dir wollte, Opa! Mein Bruder wollte dann auch mit.’
Das kleine Mädchen schien dem Weinen nah, ihr Blick bat beide Opas um Hilfe.
Der jüngere Opa sprang auf, nahm die Flöte aus der Hand seines Enkel
und sagte, ohne großartig zu überlegen: ‘Ist das ein Anlass zu
streiten? Wartet mal, ich sag euch etwas. Ich werde auf der Flöte
spielen. Du, meine Liebe, wirst dabei tanzen und du, mein Musikus,
versuch munter mit zu pfeifen. Ach, unser Maler! Ja, das ist doch gut!
Male du mit deiner Kreide das auf, was ich jetzt spielen werde. Und den
Tanz deiner Schwester, den male auch auf!’
Der Opa begann zu spielen und seine Enkel beteiligten sich voller
Freude. Als das lustige Treiben zu Ende war, richtete sich der
grauhaarige Weise auf und sprach zu seinem Bruder: ‘Mein lieber Bruder,
bitte bringe mir das alte Werkzeug unseres Vaters.’
Dem Werkzeug entnahm er dann einen Hammer und einen Meißel. ‘Ich werde
jetzt gehen und nicht wiederkommen. Halte mich bitte nicht auf und
warte nicht auf mich.’ Mit diesen Worten verließ er das Haus und ging
bis zu der Ortsgrenze. Dort, am Rande des Weges, lag noch immer der
große Findling, an dem seine lange Reise einst begonnen hatte. Einen
Tag und eine Nacht blieb der alte Weise am Findling sitzen. Am
darauffolgenden Morgen lasen seine Schüler die von ihm in den Stein
eingemeißelte Inschrift:
WAS DU SUCHST, WANDERER , IST STETS IN DIR,
ANSTATT ZU SUCHEN, FÜRCHT ES ZU VERLIEREN!
Text aus: „Schöpfung“ von Vladimir Megre Verlag Wega
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